Die Zeitwerkstatt

Auch wenn meine Wohnung nicht allzu groß ist, so kann ich doch darin eine kleine Werkstatt mein Eigen nennen.
In dieser repariere ich Zeit. Das ist sozusagen mein Broterwerb.
Ich packe die gelieferte Zeit sorgsam aus, untersuche sie, und bearbeite sie dann unter größter Vorsicht. Dazu reichen einfache Werkzeuge. Hammer, Feile, Säge – und ich kann beginnen. Ich kann sagen, es ist mir zu einer Art Passion geworden. Die Leute haben die unterschiedlichsten Wünsche. Mal möchten sie, dass ich die Zeit dehne, ein anderes mal soll gekürzt werden. Manchmal entferne ich einzelne Stücke. Diese bringe ich dann auf meinen Dachboden, wo ich sie sorgsam einlagere.
Alles soweit also ganz alltäglich.
Bis ich heute eine erstaunliche Entdeckung machte.
Beim Verstauen der entfernten Zeitelemente fand ich in einem der Regale das Ende eines toten Bahngleises. Das war wirklich ganz unglaublich. Da hause ich hier Jahr und Tag, und hatte dieses bis dahin schlicht nicht entdeckt. Aber ich täuschte mich nicht. Es lag vor mir. Voller Staunen vergaß ich die entfernte Zeit und kletterte auf die Schiene. Ich begann ihr nachzugehen.
Wer also noch Aufträge für mich hat was Zeit-Reparaturen angeht, der muss sich jetzt bitte gedulden. Ich bin bis auf weiteres dabei, dem stillgelegten Gleis zu folgen.

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Horst

Allen Vermutungen zum Trotz habe ich ihn kennengelernt. Den Außerirdischen in meinem Körper.
Das Zusammentreffen ereignete sich in einer Kneipe, ich saß über einem Glas Bier und rammte mir einen Holzsplitter in den Finger, als ich mit der Hand über den Tisch fuhr. Dem dabei hervorquellenden Blutstropfen entkletterte ein Männchen, kaum konnte ich es erkennen, so winzig.
„Hallo“, sagte es, „ich bin Horst, und wer bist du?“
Bestürzt überschlug ich meinen Alkoholkonsum, stellte fest, dass er nicht allzu hoch ausfiel und konnte mir nichts erklären. Der
Einfachheit halber fragte ich die Gestalt, wo sie herkomme.
„Aus dem Weltall!“
„Horts, ich glaube, das musst du mir erläutern,“ antwortete ich, „mein Blutstropfen brachte dich hervor, nicht ein Weltall.“
Gern hätte ich Horst´s Gesichtszüge gesehen, doch er war so klein, ich konnte sie nicht erkennen.
„Mann, das ist meine Raumkapsel gewesen! Ich kann mir das ja auch nicht erklären, plötzlich bin ich durch dieses schwarze Loch geflogen, dabei habe ich doch einen dringenden Termin!“ sprach Horst verzweifelt.
„So so,“ entgegnete ich, „um was für einen Termin handelt es sich denn dabei?“
„Das darf ich dir leider nicht verraten, nur soviel: Ich bin auf dem Weg zu einer Konferenz!“
Beeindruckt schaute ich ihn an.
„Ja, wenn das so ist,“ sagte ich, nahm ihn vorsichtig zwischen zwei Finger, „wünsche ich dir viel Erfolg bei deiner Konferenz!“ und spülte ihn mit dem Bier zurück in meinen Körper.
Horst – wer hatte ihm nur diesen bescheuerten Namen gegeben?

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Reis

Mit der Post bekam ich heute eine Portion Reis zugesandt

Mein Nachbar hat eine eigenartige Angewohnheit. Er wirft Wörter weg.
Öffnet sein Fenster und schleudert sie unter Fluchen auf die Straße hinaus.
Ich habe begonnen sie aufzusammeln.
Zurück in meiner Behausung werfe ich sie in einen Ofen, der mich gekonnt warmhält.

Reis im Übrigen habe ich noch nie sonderlich ernst genommen.

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Purzelbäume

In der Einsamkeit meines Kopfes hatte ich das Glück unbeobachtet zu sein. So formte ich die gesammelte Zeit in meinem Zimmer zu einem Klumpen und warf diesen durch das Splittern des Fensters. Ich sprang hinaus in die Nacht, schwang mich hinauf zu den Sternen und lauschte. Sie unterhielten sich, über den Strahl, von der Sonne gesandt als Zeichen ihrer Zuneigung, den vor Neid erblassenden Mond und die Wolken, die Purzelbäume über die Erde schlugen. Ich blickte hinunter, die Stadt mit ihren Lichtern, die vereinzelten Spaziergänger. Wie würden die wohl staunen wenn ich ihnen die Sterne klauen würde. Ich nahm den ersten und ließ ihn in meiner Manteltasche verschwinden. Es ging so leicht, und ich tobte durch die Lüfte, bis ich alle eingesammelt hatte. Nun mit dem Rücken der Nacht entgegen, das schwarze Licht ihr zu entreißen, versteckt in seinem Schatten es hinuntertragen und dann die Lampe schleudern gegen die Klippen. In den Dünen fand ich so den angeschwemmten Tag, zog ihn in die Länge an seinem Morgen und Gestern und lehnte mich zurück. Dort, wo die Sterne sich befunden hatten, waren nun Fenster, die in den Farben des Regenbogens meine Nacht erleuchten.

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Der Telefonanruf

Stell dir vor, du erwachtest eines Tages auf kaltem Steinboden, gefesselt an jemanden, der dir seltsam vertraut vorkommt. Jener andere trüge seinerseits eine Waffe in der Hand, vielleicht eine Pistole oder ein scharfes Messer. Du selber bist unbewaffnet. Ihr beide seid in etwa zeitgleich aufgewacht und versucht zu begreifen, wo ihr seid, was euch hierher geführt hat. Denn beiden ist euch eines gemein, ihr könnt euch nicht erinnern. In der Ferne hörst du ein Telefon läuten. Langsam berappelst du dich und blickst dich um. Dir scheint ihr lieget in einer Lagerhalle, es ist dunkel. Ein wenig Licht dringt durch schmale Fensterschlitze hoch oben an den kahlen Wänden. Als sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnen erkennst du mehrere Meter von euch entfernt eine Truhe. Sie scheint verschlossen zu sein. In ihr könnte alles mögliche verborgen sein, ein Schatz, ein Toter, doch du weißt das nicht. Du versuchst dich mit deinem Partner zu verständigen, doch auch er begreift nicht was hier geschehen ist, geschweige denn, in was für einer Beziehung ihr zueinander steht. Hat er dich entführt? Habt ihr gemeinsam ein Verbrechen begangen? Es ist, als seid ihr in einen Dämmerzustand verfallen, der euch jegliche Erinnerung genommen hat. Mit der Zeit wird es kälter und das wenige Licht beginnt zu schwinden. Dein Partner hat die Waffe beiseite gelegt, und du überlegst diese an dich zu nehmen. Doch wozu? Was sollte das bringen? Ihr liegt hier aneinander gefesselt und wisst nicht warum. Mitten hinein in deine Überlegungen hörst du ein Geräusch sich nähern. Es ist ein lauter werdender Motor. Das Geräusch stirbt, es folgen Schritte, eine Tür öffnet sich. Und mit der geöffneten Tür fällt ein Lufthauch auf euch.

Am anderen Ende der Telefonleitung lege ich den Hörer auf, steige in meinen Wagen und mache mich auf den Weg. Der Wagen ist schon älter, hat einen ziemlich hohen Verbrauch, ich sollte ihn unbedingt wechseln.

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Sonnentropfen

Die Idylle des Morgens in der Kaffeetasse. Ich rieche das Leben durch das offene Fenster wie der taufrische Boden mich anhaucht. Eine Fliege taucht verhängnisvoll aus dem Dasein.
Ich sehe: Es fallen Sonnentropfen aus dem Himmel.
Auf dem Frühstückstisch liegt ein Brief, ein leuchtend weißer Umschlag. Das knusprige Brötchen vermittelt mir den Eindruck meiner kräftigen Kiefern. Ich beiße mich durchs Leben.
Angenehm tickt dir Uhr an der Wand. Die Uhr ist mein Herz. Ich freue mich auf den Tag, während sich der Schlaf in meinem Bett ausruht. Sonnentropfen malen das Leben an, zeichnen es in die Umgebung, fixieren das Jetzt in meine Augen. Die Natur blickt zu mir hinein, durch das offene Fenster wie durch eine Lupe. Ich beobachte sie neugierig, ich will sie heute kennenlernen.
In dem Brief werde ich benachrichtigt, ich habe sechsundzwanzig Stunden, jeden Tag, mein Leben lang. Die Sonnentropfen füllen den Raum wie eine Badewanne, in der ich schwimmend schwerelos entspanne. Mit dem Kaffee spüle ich die tote Fliege durch meinen Körper und beginne den Tag zu leben.

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Die Flut

Eigentlich müsstest du jetzt die Treppe hinauf fliehen, denn das Wasser dringt immer stärker zur Tür und zu den Fenstern hinein. Diese waren eigentlich geschlossen, doch sie konnten auf Dauer dem Druck nicht standhalten. So sammelt es sich im Haus, steigt höher, verschluckt Teppich, Möbel, Bücher und alles, was sich ihm in den Weg stellen möchte. Also hinauf, die Treppenstufen nehmen, auf dem Dachboden Zuflucht finden. Auch wenn es aussichtslos erscheinen mag, du müsstest auch versuchen die Luke zu verriegeln, wer weiß schon, ob die Kraft des Wassers nicht endlich nachgeben wird. Dort, zumindest für einen kurzen Moment in Sicherheit, solltest du dich daranmachen das dort anschließende Bergwerk zu verbarrikadieren. Es ist dein Lebenswerk, du hast soviele Jahre darin verbracht, hast unzählige Gänge und Schichten freigegelegt, es wäre zu schade, wenn nun alles den Fluten zum Opfer fallen würde. Alles würde darin ertränkt, auf immer.

Doch da du mir gegenübersitzt, ich gerade jetzt mit dir spreche, bekommst du von alledem nichts mit. Und als ich dir jetzt versichere, du musst dir keine Sorgen machen, das Wasser ist keine Gefahr für dich, schaust du mich schief an, schüttelst den Kopf und nennst mich lachend einen Spinner.

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Das große Umlegen

Der Wald um sie herum ist dicht. Mit einer Axt schlägt sie Bäume. Sie hat keine Ahnung warum sie das tut, was sie hierher geführt hat. Sie schlägt Bäume. Schon seit Stunden. Mindestens. Vielleicht sind es auch Tage. Sie kann sich nicht erinnern. Es kann auch noch viel länger sein.
Wenn sie sich umblickt kann sie den Weg erkennen, den sie dabei frei geschlagen hat. Der Wald ist so dicht, dass kein Licht durch das Geäst dringt. Doch auf die freigelegte Spur fällt Sonne. Das Licht gibt ihr die Kraft weiter zu schreiten, Stamm um Stamm vor sich umzulegen.
Irgendwann macht sie Rast. Setzt sich und gibt dem Vorgang genau diesen Namen: Das Große Umlegen. Und muss lachen.

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Montag

An einem Sonntag trafen sich die restlichen Tage der Woche und beschlossen einen drauf zumachen. Der erste Gang der sechs Kumpanen erfolgte in eine Kneipe, wo sie reichlich dem Alkohol zusprachen.
Etwa zur selben Zeit saß auch in dieser Kneipe über einem Glas Bier, da bemerkte ich auf dem Tisch vor mir das eingeritzte Wort „Tisch“! Ich fand das sehr originell, wusste ich doch nun, dass auch andere Menschen dieselben Dinge noch so benannten wie ich es auch tue. Das gibt Sicherheit. Immerhin.
Unmittelbar nach dieser Erkenntnis bemerkte ich die sechs versifften Gestalten, die sich um meinen Tisch drängten. Es waren die oben erwähnten Wochentage (als solche stellten sie sich mir vor), sie entschuldigten Sonntags Abwesenheit, er müsse arbeiten. Ich lehnte mich zurück. Was mochte da wohl jetzt auf mich zukommen?
Eine Gestalt ergriff das Wort, sprach durch eine Wolke aus Alkohol, sie habe keine Lust mehr auf ihren Job und übertrug mir mit feierlicher Miene diese Aufgabe. Woraufhin wir kräftig einen tranken.
Am nächsten Morgen, als ich dann irgendwie aufwachte, stellte ich zu meinem Entsetzen fest: Ich bin Montag geworden!

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Drei Wünsche

Würdest du es mir glauben, wenn ich dir erzählte, mir sei eine Fee erschienen.
Und würdest du es mir auch glauben, wenn ich dir sagte, ich hätte drei Wünsche frei.
Sicher kannst du mein Erstaunen nachempfinden. Und du hast Recht, ich war sprachlos. Mit so etwas rechnet man schließlich nicht. Solcherlei Dinge geschehen in Märchen, aber nicht in der wirklichen Welt.
Ich sehe du wirst ungeduldig, du möchtest wissen was mein Begehren war.
Tatsächlich ließ mich die Fee nicht zu Wort kommen. Kaum begann ich die unterschiedlichsten Wünsche in mir abzuwägen teilte sie folgendes mit: Sie habe ihr Leben lang nichts anderes getan als fremder Leute Wünsche zu erfüllen, sie sei es satt, ein für allemal. Ja, ich hätte drei Wünsche frei, aber sie würde mir die nicht erfüllen.
Sprach es und löste sich in Luft auf.

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Was ist ein Selbsthilfefisch?

Hoha, seit heute bin ich im Besitz der Antwort.
Das kam so:
Heute morgen ging ich in ein Fischgeschäft, nach einem Selbsthilfefisch zu fragen. Mein Herr, bitte, was ist denn das, ein Selbsthilfefisch? Entgeisterte sich der Verkäufer, und ich lächelte nur. Woher soll denn ich das wissen, ich bin, mit Verlaub, doch nicht der Händler für Fisch, das sind Sie, und woher soll ich ahnen, was für eine Bewandtnis es damit auf sich hat, wenn selbst Sie mich darüber nicht aufzuklären vermögen – so sprach mein Mundwerk, allein es wurde von meinen Füßen aus dem Laden getragen.
Die Antwort war viel einfacher als ich dachte. Schon viel hatte ich über Selbsthilfefische gehört, doch nichts konkretes, und das, was zu meinen Ohren drang, lächerte mich derart, dass ich den Entschluss fasste, mich in Besitz des selbigen zu bringen. Der Fischhöker konnte mir nicht helfen, so musste ich die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Derweil begann der Regen die Erde nass zu machen. Meine Augen vermochten die Konturen der Umgebung noch zu deuten, als jäh die Finsternis die Häuser unkenntlich machte. Etwas weiß Leuchtendes war noch wahrzunehmen, ja, just mit der Dunkelheit strahlte es auf mich zu. Regendurchwärts grinste die Fratze mich an. Das bin ich, sprach der Selbsthilfefisch, du suchtest mich, da bin ich. Schön, entgegnete ich, steckte ihn in meine Manteltasche und entfernte meine Anwesenheit aus dem Gedächtnis der Stadt. Zuhause angelangt setzte ich ihn in eine gläserne Vase, die nun mein Zimmer erleuchtet.

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Am Ende ist der Fernseher verschwunden

Der Fernseher läuft eigentlich nur so nebenbei, als du dein eigenes Konterfei auf dem Bildschirm erblickst. Ich bin gerade dabei, dir eine Mahlzeit zu zubereiten, da hörst du den Nachrichtensprecher meine Entführung verkünden.
Natürlich halte ich die Angelegenheit für einen Irrtum, schließlich befinde ich mich in deinen eigenen Wänden.
Doch weiß er von einem Lösegeld zu berichten, einer unglaublichen Summe, die du niemals in meinem ganzen Leben verdienen würdest. Wer sollte das denn bezahlen?
Weiterhin heißt es, man habe mich zuletzt an deinem Geburtstag gesehen, wie Freunde von dir nun vor meinen Augen in dem Quadrat erklären, das ein Fernsehgerät ist.
Ich greife zu deinem Handy und beginne sie der Reihe nach anzurufen, doch keiner geht am anderen Ende dran.
Frustriert blickst du erst an mir herunter, siehst deinen Körper, trittst vor den Spiegel, dein Spiegelbild blickt dir entgegen. Kein Zweifel, dort stehe ich.
Also gehst du auf die Straße und suchst Orte auf, an denen ich Menschen kannte, die dir bestätigen können, dass ich kein Irrtum bin.

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